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9. Februar 2021

Ist Körperbehaarung feministischer Aktivismus oder #fishingforlikes?

Nun gab es gestern diesen Moment, in dem mein Sohn mir sagte: Mama, du hast ja ganz viele Haare unter den Armen. Erst mal haben wir alle gemeinsam gelacht. Doch dann gab es mir doch zu denken. Wir sind mitten im zweiten Lockdown, meine Prioritäten liegen gerade einfach woanders. Rasieren ist nicht wichtig im Moment, und ein bißchen faul, ja, das bin ich ganz sicher auch. Aber wenn es tatsächlich eine Frage der Prioritäten ist, würde ich mich also neben Homeschooling, Erwerbsarbeit und all dem anderen Dingen auch im Sommer nicht rasieren? Und wenn ich wieder mehr Zeit unter Menschen verbrächte, wie sähe es da aus? 

 

Sind Körperhaare ein Trend auf Instagram?

Körperhaare wachsen zu lassen und diese zu zeigen ist aktuell ein Trend auf Instagram. Die Frage nach der Körperbehaarung wird in den Captions  als private, individuelle Entscheidung beschrieben, die niemand anderen als das eigene Selbst etwas angeht – und gleichzeitig demonstrativ zur Schau gestellt. Trägt das also zur Enttabuisierung bei, ist das feministischer Aktivismus oder bewusste Provokation für mehr Likes und Reichweite? Oder alles zusammen und zwei Seiten derselben Medaille?

 

Den Rasierer einmotten? Eine Menge Aufmerksamkeit

Nun ist das ja nicht neu. 2016 hat die Studentin Kristina Lang ein Jahr lang ihre Körperhaare sprießen lassen und dies auf ihrem Blog begleitet. In einem Videotagebuch hat sie ihre Erfahrungen und die Reaktionen ihrer Umgebung festgehalten. Sie wurde interviewt und portraitiert. Meistens hinsichtlich der Frage, wie Männer auf ihre unrasierten Beine reagieren. Ob das nun ein Selbstversuch war, um die eigenen Grenzen und Wahrnehmung auszutesten oder ein feministisches Statement, es gab eine Menge Aufmerksamkeit nur allein für die Tatsache, den Rasierer einzumotten. Anfang 2019 rief die Studentin Laura Jackson unter dem #januahairy dazu auf, Körperhaare wachsen zu lassen. Aktuell findet sich über 12.400 Posts unter diesem #, eine wundervolle Galerie an Achselhaaren. In den vergangenen Jahren haben auch Stars wie Miley Cyrus, Madonna und die großartige Jemima Kirke ihre Achselhaare in die Kamera gehalten. Jemima Kirke twittere 2015 mit einem Bild von Sophia Loren mit buschigen Achseln bezugnehmend auf die Aufmerksamkeit, die ihre haarigen Achseln bekamen: It’s just my own personal preference. That being said please can we stop talking about pits? #bored #sophialoren 

 

Männer haben die Wahl, Frauen nicht?

Doch schon in den 70ern war das Wachsen lassen der Körperhaare ein Symbol der sexuellen Befreiung der Frau und damit ein Teil der Gleichberechtigungsbewegung. Hier zeigte sich sehr deutlich ‚Das Persönliche ist politisch‘. Auch ein aktuelles Zitat von Melodie Michelberger (eine Frau, die ich sehr verehre) ‚Alles am Körper ist politisch‘ schlägt in diese Kerbe. Und klar ist, dass Körperbehaarung ein ungleiches Thema ist, wenn es um Männer und Frauen geht. Männer haben die Wahl, Frauen nicht? Wie die aktuellen Beispiele zeigen ist Körperhaar immer noch oder immer wieder eine starke Waffe im Kampf gegen die patriarchalen Machtstrukturen in Bezug auf (Frauen-)Schönheit. Die Haarentfernung steht andererseits symbolisch für die internalisierten misogynen Beauty-Standards. 

 

Oder ist es nicht einfach ästhetische Entscheidung? 

Die feministische Debatte wird selbstverständlich von den großen politischen Themen beherrscht: das Einkommensgefälle, Abtreibungsrechte, Gewalt gegen Frauen, etc. Dennoch rückt im feministischen Aktivismus das Individuelle in den Fokus: die Darstellung des eigenen Körpers gepaart mit knackigen Statements und dem guten alten #. Das hat sicherlich seine Berechtigung, aber verlieren wir nicht das große Ganze aus den Augen, wenn wir uns stattdessen mit unseren eigenen Körpern beschäftigen und diese doch wieder als politische Objekte zur Schau stellen? Und andersherum darf Körperbehaarung nicht auch einfach eine ästhetische Entscheidung sein? Dafür müsste aber eben Köperbehaarung frei von Tabuisierung sein und das ist ja faktisch nicht so. Das lässt sich sehr leicht und plakativ in den Kommentaren der entsprechenden Posts nachlesen. 

 

Meine persönliche Reise fing beim Thema Körperbehaarung schon sehr früh an – mit dem Rasieren der Beine. Im Laufe meiner Jugend mussten immer mehr Haare weg, Beine, Achseln, Augenbrauen ausdünnen (Hallo schreckliche 90er), in einem Jahr habe ich mir sogar die Armhaare fürs Freibad entfernt, das war mir dann aber auf Dauer doch zu anstrengend. Dann kam die Schambehaarung irgendwann dazu. Mein Körper wurde also im Laufe meines Lebens immer mehr zur Haarlosen-Zone. Nicht alles davon ist so geblieben, aber dennoch verbringe ich immer noch viel Zeit und Energie mit der niemals endenden Entfernung meiner von der Natur so vorgesehenen Körperbehaarung. Ich habe das nie wirklich in Frage gestellt, sondern einfach das getan, was ich für schön hielt/halte. Aber doch damit vor mir selbst gerechtfertigt, dass ich mich so schöner fühle und das alleine für mich selbst tue. 

 

Beine rasieren bei INASKA?

Auch bei INASKA wird das Thema Körperbehaarung zumindest am Rande oft besprochen. Sei es nur kurz der Check: Ups, ich habe meine Beine gar nicht epiliert, kann ich jetzt trotzdem so eine Story für Instagram aufnehmen? Fällt das jemandem auf? Denn natürlich sind wir mit Bade- und Sportmode nah dran – am Körper, seiner Haut und auch seinen Haaren. Hallo Bikinizone! Wir gehen mit INASKA keinen komplett kongruenten Weg. Wir arbeiten sehr gerne mit Influencerinnen zusammen, die für Body Positivity stehen, weil wir glauben, dass das ein sehr wichtiges und großes Thema ist. Wir lieben jeden vermeintlichen Makel, jede Delle, jede Narbe und auch jedes Haar. Denn jede so wie sie es mag. Im vergangenen Jahr haben wir mit einer tollen Frau zusammengearbeitet, die gerade beschlossen hatte, ihre Haare sprießen zu lassen und uns wahnsinnig über die wunderschönen Bilder inklusive Achselbehaarung gefreut. Unsere Kampagnen-Motive wiederum zeigen wundervolle Frauen, die zwar bewusst nicht komplett dem sinnfreien gängigen Schönheitsideal entsprechen, aber keine Körperhaare tragen. Das entspricht uns im Moment mehr. 

 

Für mich persönlich bleibt noch folgendes: Mein Körper wird also von mir selbst so manipuliert, dass meinem eigenen Sohn nicht bewusst war, dass ich Achselhaare habe. Sehr wohl aber, dass ich meinen Körper rasiere. Das nagt sehr an meinem Selbstverständnis, meinen Sohn den Boden zu geben ein großartiger Feminist zu werden.

 

Mareike Schiller, Inaska